Wissenswertes
Nützliche Informationen rund um das Thema „Geschirre“ beim Hund.
   

2. Zusammenfassung der „Jenaer Studie“ und ihre Konsequenzen
        in Bezug auf Auswahlkriterien bei Hundegeschirren.


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Prof. Dr. Martin S. Fischer, Professor für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Jena, wollte im Jahre 2006 einen Vortrag über die Fortbewegung des Hundes halten. Im Laufe seines Vortrages fiel im auf, dass er dies nicht umfassend konnte, da es de Facto bislang keine wissenschaftlich belegten Erkenntnisse darüber gab. Bis dato bekannte Studien hatten sich jeweils nur mit Teilen des Gangapparates oder mit kranken Hunden auseinander gesetzt. Er beschloss daher mit Hilfe seines Teams, dieser Wissenslücke ein Ende zu setzen. Es sollte eine umfassende Arbeit über die Gelenkwirbelverläufe, Segmentbewegungen, Gangmuster, Schrittlänge, Schrittdauer, etc. des Hundes werden. Nach vier Jahren intensiver Arbeit veröffentlichten die Forscher ihre Ergebnisse in einer Studie die auch als Publikation erschienen ist.
(Dr. Martin S. Fischer und Dr. Karin E. Lilje in der Publikation "Hunde in Bewegung" zusammengefasst (VDH Service GmbH und Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart 2011, 208 Seiten, Preis: 49,95 Euro, ISBN 978-3-440-13075-9).

Die „Jenaer Studie“ zum Gangapparat des Hundes sollte möglichst repräsentativ und vergleichend sein. Man wählte daher etwa 327 Hunde aus 32 Hunderassen aus, die sich in Körpergröße, Winkelung der Gelenke und Rahmen extrem unterschieden. Den Forschern lag viel daran, die Übereinstimmungen des gesamten Gangwerks zwischen äußerlich doch sehr differierenden Hunderassen zu belegen.

Sie benutzten dafür drei Messsysteme;
- ein Infrarotbewegungsmesssystem,
- zwei Hochgeschwindigkeitsvideokameras (diese beiden Systeme waren in der Lage etwa 1000 Bilder pro Sekunde zu schießen),
- eine französische Hochgeschwindigkeitsröntgenkamera.

Die Hunde wurden von je zwei Hochgeschwindigkeitskameras aus unterschiedlichen Positionen(von vorne und von der Seite) in unterschiedlichen Gangarten (Schritt, Trab, Galopp) aufgenommen. Die Hunde liefen hierfür, nach einer gewissen Eingewöhnungszeit, auf einem genormten Laufband. Sie legten während der Untersuchungen etwa 2- 4 Kilometer Strecke zurück und die Aufnahmeprozedur dauerte, je nach Hund, etwa 45 Minuten. In dieser dreiviertel Stunde ist die jeweilige Vorbereitungszeit des einzelnen Hundes nicht berücksichtigt.

Das Infrarotbewegungssystem brauchte reflektierende Marker an den Rückenlinien und Gelenkpunkten des Hundes, welche die von insgesamt sechs Kameras ausgesendeten Infrarotblitze zurück warfen. Wurden die Reflektionen eines Markers von jeweils zwei Kameras erfasst, war es möglich ein dreidimensionales Koordinatenbild zu erstellen und darüber wiederum ließen sich die jeweiligen Gelenkwirbelverläufe des Hundes bestimmen.
Die Röntgenkamera machte nun noch die bislang verdeckten und nicht erfassten Strukturen, wie z.B.: das Schulterblatt des Hundes in der Bewegung, sichtbar.

Die Erkenntnisse dieser Aufnahmen waren erstaunlich und zeigten, dass so manche Darstellung vom Skelett des Hundes nicht den Tatsachen entsprach bzw. falsch war.
Die Gliedmaßen des Hundes hatten sich, im Laufe der Zeit, wie bei allen Säugetieren von zwei zu drei Segmenten verändert.

Bei den Vorderläufen des Hundes hieß das konkret, dass das Schulterblatt als drittes Segment hinzu kam, bei den Hinterläufen wurde der Mittelfuß umgebaut. Bewegt sich ein Hund vorwärts, so entsprechen sich daher jeweils Schulterblatt und Oberschenkel (siehe Foto- lila), Oberarm und Unterschenkel (siehe Foto- gelb), sowie Unterarm und Mittelfuß (siehe Foto- grün), in der Bewegung.



Eine der erstaunlichsten Dinge, die in dieser Studie entdeckt wurden, wird das Bild, das man sich bislang vom Gangwerk des Hundes machte und auch viele Diagnosen in neuem Licht erscheinen lassen. So wies man nach, dass der eigentliche Drehpunkt der Vorderläufe das Schulterblatt und nicht wie bislang immer vermutet das Schultergelenk sei. Heißt im Klartext, dass bei der Vorwärtsbewegung des Vorderlaufs sich, entgegen früherer Annahmen, das Schulterblatt dreht und zwar um etwa 35 Grad. Das Schultergelenk bleibt entgegen allen bisherigen Theorien fast statisch unter der Bewegung. Dies änderte nun auch den Blick auf die Beziehung der oberen Drehpunkte, denn wo sonst in Lehrbüchern das Hüftgelenk auf Höhe des Schultergelenks dargestellt wurde, liegt in der Realität das Hüftgelenk auf Höhe des oberen Randes des Schultergelenks (siehe Foto- rote Linie). Hier könnte man gedanklich eine horizontale Linie ziehen, um die gleiche Höhe darzustellen.

Durch die Röntgenaufnahmen konnte man sehen, dass sich Schulterblatt/Unterarm und Oberschenkel/Mittelfuß wie parallel geschaltet bewegen, dieses Prinzip nennt sich “Pantographenbein“. Dieses Fortbewegungsprinzip hängt maßgeblich von der Länge des mittleren Segments ab, beim Hund ist das der Oberarm. Der Oberarm eines Hundes ist, je nach individueller Größe, natürlich unterschiedlich lang, aber in Bezug zur gesamten Länge des Vorderbeins beträgt die Oberarmlänge, laut „Jenaer Studie“, ganz genau 27 Prozent. Die Länge des Schulterblattes beträgt im Vergleich zur Gesamtlänge des Vorderbeins zwischen 24 bis 34 Prozent und ist bei kurzbeinigen Hunden im Gegensatz zu langbeinigen Hunden relativ lang.
Die Fortbewegung des Hundes liegt in der Hauptsache an den Proportionen des Oberarms und da dieser bei allen untersuchten Hunden identisch war, liegt die Folgerung nahe, dass alle Hunde, egal wie groß, ähnlich gehen.

Was hat nun die „Jenaer Studie“ mit Geschirren zu tun?
Es ist nun erwiesen, dass Hunde ihre Schulterblätter zur Vorwärtsbewegung drehen. Es ist also nach wie vor sehr wichtig darauf zu achten, dass die Schultergelenke des Hundes nicht in der Bewegung gehemmt oder eingeengt werden, fast noch entscheidender ist aber nun, dass diese Voraussetzungen für das Schulterblatt ebenso gelten. Dies erreicht man nur über ein Geschirr, dass den Bedürfnissen und dem Bewegungsapparat des Hundes ideal angepasst ist. Diese Tatsache stellt Geschirre, die große Auflageflächen auf den Schulterblättern des Hundes haben, als ungeeignet dar.


Copyright: Freundschaft Hund - Gemeinsam durchs Leben, Tina Müller

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Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

1.) Eine Gegenüberstellung: Halsband bzw. schlecht sitzendes Geschirr und ein gut angepasstes, qualitativ gutes Geschirr mit Ausblick auf psychische/ physische Folgen

2.) Zusammenfassung der „Jenaer Studie“ und ihre Konsequenzen in Bezug auf Geschirre

3.) Was zeichnet ein hochwertiges Geschirr aus - Materialien und Passform

4.) Wie ermittle ich die „Konfektionsgröße“ meines Hundes- Messpunkte und Tipps zum Vermessen

5.) Gängige Geschirrformen, ihre Einsatzbereiche und Vor- bzw. Nachteile

6.) „Trainingsprotokolle“ darüber, wie wir unsere eigenen Hunde an ein neues Geschirr heran „trainiert“ haben